Indianische Horoskope - Das Medizinrad - Oder wie ein Mythos entsteht

Ende der 60-ziger /Anfang der 70-ziger Jahre kam der Ojibwa-Indianer Sun Bear auf die Idee einen persönlichen Traum bzw. seine Vision umzusetzen. Er wollte das spirituelle Wissen seines Volkes, der Ojibwa (auch Chippewa genannt) mit Nicht-Indianern teilen. Seine Stammesgenossen fanden diese Idee nicht so gut, und so verließ er seine Heimat, das White-Earth -Reservat im Norden Minnesotas und zog auf der Suche nach Arbeit, durch die westlichen Staaten der USA. Sein Weg führte ihn durch Kalifornien, Nevada und viele andere Bundesstaaten. Irgendwann lernte er die amerikanische Journalistin Marliese Ann James kennen, heiratete sie und gab ihr den Ojibwanamen Wabun. Mit ihr und einigen anderen zusammen gründete er den Bear Tribe (Bärenstamm), den er nach seinem Namen Sun Bear benannte. Die Gruppe arbeitete hart und erwarb ein Stück Land im Staate Oregon, wo sie als Landkommune lebten. Später zogen sie in den Staat Washington. Sie gründeten eine Zeitung, die sie "Many Smokes" nannten. Diese Zeitung konnte man abbonieren. In dieser Zeitung gab es Berichte über Umweltprobleme, gesunde Ernährung, Zurück- zu- Natur- Bestrebungen usw. Sun Bear veröffentlichte gemeinsam mit seiner Partnerin Wabun einige Bücher, wie z. B. "Das Medizinrad - Eine Astrologie der Erde" etc.

Diese Bücher wurden auch ins Deutsche übersetzt. Sun Bear reiste mehrfach nach Deutschland und hielt hier Seminare über eine spirituelle Art zu Leben. Sun Bear selbst betonte immer wieder, dass seine Lehren, seine eigenen Lehren waren und dass er als Medizinhäuptling des von ihm gegründeten Bärenstammes lehrte und NICHT etwa als Ojibwa-Medizinmann. Im Vorwort seines Medizinradbuches lesen wir:

"Die Informationen in diesem Buch stimmen, soweit wir das beurteilen können, mit keiner Methodik der Selbsterkenntnis überein, die von einem spezifisch indianischen Stamm der USA praktiziert wurde."


 

 

 

Aber das Karl May geschädigte deutsche Publikum, vor allem aber die Medien zollten der indianischen Abstammung des Lehrers mehr Aufmerksamkeit, als dem, was er zu sagen hatte. Sun Bear predigte Liebe zwischen Weißen und Indianern, Achtung und Respekt auch vor der Natur, aber er sagte mit keinem einzigen Wort, dass man durch die Teilnahme an seinen Seminaren oder durch Eintritt in den von ihm gegründeten Bärenstamm ein Indianer wird.

Dennoch wurden seine Bücher und seine Seminare von gewissenlosen Verlagen und Medien aus Marketinggründen als allgemeingültige INDIANISCHE Weisheiten verkauft.

In der Paperbackausgabe des Realis-Verlags "Das Horoskop der Indianer" 1998 lesen wir, im Gegensatz zu den zuvor zitierten Worten Sun Bears im Vorwort:
"Das Horoskop der Indianer richtet sich vor allem nach dem Ablauf der Natur…" oder an anderer Stelle: " Die indianischen Schamanen stellen das Jahr als einen Kreis dar, der in zwölf Abschnitte unterteilt ist, die …"
In diesem Buch taucht nicht ein einziges Mal der Name irgendeiner indianischen Volksgruppe auf. Es wird immer nur verallgemeinernd von DEN INDIANERN gesprochen, so als bildeten die vielen hundert Stämme der USA und Canadas (Mittel - und Südamerika eingeschlossen) eine geschlossene politische, kulturelle, religiöse und sprachliche Einheit. Selbst der Name Sun Bears wird in diesem Buch nicht mal erwähnt, obwohl er der Urheber dieser Lehre war.

Das Horoskopbuch ist eine reine Erfindung Sun Bears, der die üblichen Sternzeichen wie Löwe, Schütze oder Wassermann einfach durch Tiernamen ersetzt hat. Sun Bear pflegte viel zu meditieren und kam eines Tages auf die Idee, ein solches Horoskopbuch zu schreiben. Er überlegte sich einfach, welches Tier dem Charakter des entsprechenden Sternzeichens am nächsten kam und so entstand dieses Buch. Sun Bear selbst betonte in persönlichen Gesprächen, sowie auch in seinen Büchern, dass es seine eigene Vision war, und dass die Tatsache, dass er ein Ojibwaindianer war, nicht bedeutete, dass die Ojibwa oder irgendein Stamm in Nordamerika eine solche Tradition hatten. Die amerikanischen, vor allem aber die Karl-May geschädigten deutschen Medien aber wollten aus der Sache möglichst viel Geld herausschlagen und verkauften seine Lehren und Bücher als "die Religion oder die Weisheit" der Indianer.

Diese Vermarktung führte zu einer Lawine von Interessenten, die in die Esoterikbuchhandlungen strömten und diese Bücher erwarben. Das Problem hat eigentlich erst mit der Vermarktung, durch die Medien angefangen. Medienleute sind meist nicht an wahren Informationen interessiert, sondern nur daran, ob sich eine Sache gut verkauft. Sie wissen, dass das Publikum "Helden und Vorbilder" braucht und wenn Leute auf Indianer abfahren, dann kann man sie am besten zum Kauf überreden, wenn man das schreibt, was sie hören wollen. Ein "waschechter" Ojibwa-Medizinmann mit dunkelbrauner Haut, rabenschwarzem Haar und einer "typisch indianischen" Adlernase (nicht umsonst wurde Sun Bear oft leicht erhobenem Kopf im Profil fotografiert), der dem zivilisationsmüden und spirituell orientierungslosen Laien mit einer Heilslehre kommt, damit ließ und lässt sich richtig Geld machen.
Es ist leider so, dass sehr viele esoterikinteressierte Personen diese Bücher nicht kritisch genug lesen und auf ihre Authentizität prüfen, sondern blindlings glauben und nachplappern, was die Medien und Verlage propagieren.

Ende der 80 ziger Jahre erkannten traditionelle Älteste verschiedener indianischer Nationen, dass durch die Publikation und Vermarktung solcher Bücher und Lehren ein falsches Indianerbild geschaffen, bzw. aufrecht erhalten wurde und gründeten den "Traditional Indian Elder Circle", der der Ausbeutung indianischer Traditionen den Kampf ansagte.

Traditionalisten beklagten sich darüber, dass selbsternannte indianische und nicht-indianische Medizinleute nach Europa reisten und indianisches Kulturgut vermarkteten. Sie stellten eine schwarze Liste auf von Leuten (kann man noch heute im Internet finden), die sich als Medizinleute ausgaben, es aber nicht waren. Auch Sun Bear befand sich auf dieser Liste. Ob Sun Bear auf dem Ojibwareservat wirklich eine Ausbildung zum Medizinmann absolviert hat ist umstritten. Auch Sun Bear selbst ist im Indianischen Amerika eine umstrittene Persönlichkeit.

Philipp Deere, ein inzwischen verstorbener Medizinmann der Muskogee-Creek und einer der Sprecher des Elder Circle sprach einmal vor deutschem Publikum über Sun Bear und seine Lehren:

"In letzter Zeit hatten viele Leute sich beim Elder Circle erkundigt, die etwas über das Medizinrad wissen wollten. Von einem Medizinrad hatten wir aber noch nie etwas gehört. Anlässlich eines Treffens des Elder Circle, das im Juni bei mir zu Hause stattfand, fragte ich, ob es in unserem Kreis einen Stamm gäbe, in dessen Sprache das Wort "Rad" vorkäme. Es waren Angehörige der verschiedensten Stämme anwesend, aber in keiner Sprache gab es das Wort "Rad". Also fragten wir Sun Bear. Er antwortete, dass er seiner eigenen Vision folge und das Wort "Medizinrad" selbst geschaffen habe.

Wir wiesen ihn darauf hin, er solle diesen Begriff nicht als Teil einer indianischen Lehre bekannt machen; dies solle er den Europäern klar und deutlich mitteilen. (…) Wir haben jedenfalls versucht ihm klarzumachen, dass er die Leute nicht in dem Glauben lassen soll, seine Lehre sei indianisch".
Phillip Deere/Daniel C. Rohr (HG): Das entzündete Feuer, Brennessel Verlag, 1986, Zürich

Fest steht jedenfalls, dass es in keiner indianischen Volkgruppe ein indianisches Horoskop gegeben hat, und dass alle Leute, die so etwas glauben, einem Mythos hinterherlaufen. Was das so genannte Medizinrad betrifft, so wurden an mehreren Orten der USA mysteriöse Steinkreise gefunden, über deren Herkunft niemand mit Bestimmtheit Auskunft geben kann und die sowohl der Wissenschaft, als auch den indianischen Völkern Amerikas Rätsel aufgeben. Auch wenn Sun Bear mit seiner Vision richtig lag, so hatten weder er, noch irgendwelche Buchverlage das Recht, die Vision eines Einzelnen zur Religion oder zum Kulturgut aller Indianer zu machen.

Philipp Deere (1923-1986)

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