Über die Irokesensprachfamilie

Die Menschen welche die Irokesensprache in mehreren unterschiedlichen Dialekten sprachen, lebten zur Zeit der Kontaktaufnahme mit den ersten Europäern in einer Anzahl von Stämmen im St. Lorenzstrom-Gebiet und im Raum westlich davon hin zum Lake Huron und zur Georgian Bay, des jetzigen Kanadas, sowie im Nordosten und Südosten der heutigen USA. Ihre Stammesgesellschaften wiesen viele Ähnlichkeiten in sozialer, kultureller und religiöser Hinsicht auf. Diese Völker lebten von einer Mischung aus Ackerbau, Jagd und Fischfang, der Mais spielte dabei eine bedeutende Rolle als eines der Hauptnahrungsmittel.  Die Abstammungslinie erfolgte durch die Mutterlinie zu deren Klan die Kinder immer zugehörig waren und unter den Traditionalisten bis heute sind. Die Frauen hatten in diesen Gesellschaften eine hohe, angesehene Stellung inne und waren für die Wahl der Häuptlinge zuständig. Bei den Irokesenvölkern welche sich bis ins 21. Jahrhundert behaupteten werden die Frauen nach wie vor sehr wertgeschätzt.  Sie sind die Geber des Lebens und daher eng mit der Mutter Erde verbunden.

Die Irokesensprachfamilie wird üblicherweise in einen nördlichen und einen südlichen Zweig unterteilt. So finden wir unter den Sprechern der nördlichen Dialekte die Mitglieder der bekannten Irokesen-Konföderation, oder auch -Liga genannt, beheimatet im Nordosten der heutigen USA, mit Teilen u.a. im Six Nations-Territorium (Kanada) wohin einzelne Gruppen der Liga-Stämme ab 1783 zogen, namentlich die Mohawk. Die Liga umfasste die berühmten Mohawk (Ganiengehaga, Volk des Feuersteinortes), die Oneida (Volk des stehenden Felsen), die Onondaga (Volk des Hügels), die Cayuga (Gayogoho:no, Volk der Pfeife oder Sumpfvolk, es gibt auch die Deutung des „Ortes wo die Boote herausgezogen werden“) und die Seneca (Volk des großen Berges). Ab ca. 1720 schloßen sich ihnen die Tuscarora (Skarure, Hemdträger oder Hanfhemdträger) an, nachdem sie nach einem Krieg mit Siedlern aus ihrer angestammten Heimat im Grenzgebiet von Virginia und North Carolina vertrieben wurden.  Diese sechs Stämme bildeten die Irokesen-Konföderation, in ihrer eigenen Sprache nennen sie sich „Haudenosaunee“, das Volk des Langhauses.  Bei den Weißen Kolonisten waren sie bald als die Sechs Nationen bekannt. Gegründet wurde die Liga in einer Zeit Intertribaler Kämpfe von dem als „Friedensstifter“ bezeichneten Mann, von dem die Legende berichtet das er ein Wendat (Hurone) von Geburt war. Ihm zur Seite stand ein Onondaga-Häuptling Namens Hiawatha. Beide Männer wollten das unnötige Kämpfen unter den Stämmen und die unsicheren Zeiten für die Menschen beenden und brachten die fünf zuerst genannten Stämme erfolgreich im „Großen Gesetz des Friedens“ zusammen. Dies geschah wahrscheinlich kurz vor Ankunft der ersten Europäer in diesem Teil Amerikas. Die Irokesen-Konföderation besteht bis zum heutigen Tage und die Menschen dieser Stämme leben in Reservaten und Gemeinden in Kanada sowie in den USA.

Weiter westlich, am Lake Huron und an der Georgian Bay im heutigen Kanada, lebten die Wendat, auch Huronen genannt, in einer Konföderation von vier Stämmen. Diese waren die Attignawantan (das Bären-Volk), die Attigneenongnahac (das Seil-Volk), die Tahontaenrat (das Hirsch-Volk) und die Arendahronon (das Felsen-Volk). Die Dialekte der Wendat, zum nördlichen Sprachzweig gehörend, unterschieden sich von denen der Haudenosaunee-Stämme. Wendat lässt sich in etwa mit „Inselbewohner“ oder „Bewohner der Halbinsel“ übersetzten.  Weiter südlich in Ontario fanden sich die Petun (auchTobacco-Nation, bekannt für ihre ausgedehnten Tabakfelder), und die als Neutrale bezeichneten Leute. Westlich der Seneca schließlich hatten die Wenro und Erie Stämme ihre Heimat während die Susquehannock (oder Conestoga) noch weiter südlich im heutigen Pennsylvania benachbart waren. All diese Stämme sprachen nördliche Dialekte der Irokesensprache.

Nach großen Verlusten an Menschenleben unter diesen Stämmen, verursacht durch eingeschleppte Krankheiten der Europäer und Kämpfen in den sogenannten „Beaver-Wars“, um Handelspositionen im Pelzhandel des 17. Jahrhunderts, auch mit der Irokesen-Liga, sammelten und reorganisierten sich die Überlebenden und schlossen sich zu neuen Stämmen zusammen. Eine nicht zu geringe Zahl Überlebender schloss sich den zum Teil ähnlich geschwächten Liga-Irokesen an und fanden mit der Zeit als adoptierte Stammesmitglieder vollständige Integration in den jeweiligen Liga-Stämmen.  Andere verstreute Gruppen der Wendat, Petun und vermutlich der Neutral formierten , wahrscheinlich gegen Ende des 17. Jahrhunderts, den Stamm der in der Geschichte als „Wyandotte“ bekannt werden sollte. Augenscheinlich stammt der Begriff Wyandotte von der alten Stammesbezeichnung Wendat ab und ist vermutlich eine abgewandelte Bezeichnung der europäischen Einwanderer. Die Nachkommen dieser Menschen leben heutzutage unter dem Namen „Wyandotte Nation of Oklahoma“ in selbigem US-Staat.  Eine kleinere Gruppe, welche Huronen genannt wurde, begab sich nahe der Stadt Quebec, Kanada, wo sie noch immer im Wendake-Reservat ihren Sitz hat. 

Nach Auffassung einiger Forscher bildeten überlebende Erie , Susquehannock sowie einiger Anderer zusammen mit in Ohio lebenden Liga-Irokesen, wohl größtenteils dort eingewanderter Senecas, den historischen Mingo-Stamm. Anfang des 19. Jahrhunderts kannte man die Mingo als Seneca of Sandusky in Ohio, jedoch wurden sie bald westlich des Mississipi ins Indianer Territorium umgesiedelt. Eine Gruppe Cayuga aus dem Staat New York schloss sich ihnen an, weswegen der Stamm nun als „Seneca-Cayuga Tribe of Oklahoma“ bezeichnet wird.

Im Südosten der jetzigen USA lebten letzlich als südliche Irokesenvölker das große Volk der Cherokee, deren Eigenbezeichnung  „Tsalagi“ lautet, ferner die Nottoway und Meherrin. Die Cherokee leben heute getrennt in zwei Gruppen in den USA, eine in der Qualla-Reservation in North Carolina in der alten östlichen Heimat, sowie in Oklahoma. Die Cherokee weisen noch eine beträchtliche Anzahl von Sprechern ihrer Sprache auf.  Nachkommen der Nottoway und Meherrin sind noch im Südosten der USA zu finden und bemühen sich um eine Anerkennung als Stamm. Von diesen spricht keiner mehr die alten Sprachen.  Die Cherokee, Nottoway und Meherrin – Sprachen werden unter dem südlichen Zweig der Irokesensprachen zusammengefasst.

Alle diese genannten Stämme bilden die sogenannte Irokesen-Sprachfamilie, deren Dialekte von einer gemeinsamen Proto-Sprache abstammen.  Nach der im Laufe der Zeit stattfindenden Aufsplittung und Zerstreuung in verschiedene Gruppen, entwickelten sich an unterschiedlichen Orten eigenständige Dialektformen, die zum Teil sehr voneinander abweichen und es schwer machen sich untereinander zu verständigen, obwohl ein gemeinsamer Ursprung zu erkennen ist.

Die Irokesen-Nationen des 21. Jahrhunderts konnten viele Traditionen und Sitten erhalten, sehr bedeutungsvoll ist nach wie vor die Langhaus-Religion bei einer Anzahl von Stämmen, - all dies ließ sie ihre Identität als Irokesen aufrechterhalten.

Auch sie haben erkannt dass es immens wichtig ist dem Verlust der alten Sprachen entgegenzuwirken und Maßnahmen zu ergreifen diese Sprachen, die sehr eng mit ihrer eigenen Identität verknüpft sind, an die nachfolgenden Generationen weiterzureichen.  Geeignete Programme hierzu wurden ins Leben gerufen und zeigen Erfolge, herausragend sind eine Reihe von Schulen in denen Irokesen-Sprachen gelehrt werden.

Robert Götzenberger  07/2008

 


 

 

 

 

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