Kinder spielen Indianer

Vom 15. Oktober 2006 bis zum 14. April 2007 fand in Berlin-Spandau ein Projekt der Prokultur gGmbH statt, unter dem Thema „Kinder spielen Indianer“. Ich wurde vom Leiter des Projektes, Herrn Jürgen Wedel gebeten, als Gastdozent eine Gruppe von zehn, anfänglich ziemlich unmotivierten Ein-Euro-Jobbern, die man vom JobCenter Spandau zur Teilnahme an dem Projekt verpflichtet hatte, über Kultur, Lebensweise, Sprache und Religion „der Indianer“ aufzuklären und auf den Einsatz in verschiedenen Kindertagesstätten und Grundschulen vorzubreiten.

Projektleiter Herr Wedel

Ein Ziel des Projektes war es, unter anderem, die individuelle Sozialkompetenz der von Langzeitarbeitslosigkeit betroffenen Mitarbeiter zu stärken, ihre Kreativität zu fördern und damit ihre Chancen zur Wiedereingliederung in den regulären Arbeitsmarkt zu verbessern.

In allen von uns betreuten Kindergärten und Schulen war der Ausländeranteil ziemlich hoch, und so ist es nicht verwunderlich, dass über das Thema Indianer, welches trotz Playstation und Gameboy für Kinder, auch heute noch, eine gewisse Faszination ausübt, Toleranz gegenüber dem Fremden, soziales Verhalten und ein bewusster Umgang mit der Natur vermittelt werden sollten.

Ich selbst hatte mir zum Ziel gesetzt, sowohl die Mitarbeiter, als auch die Kinder auf die gängigen Klischees einer einheitlichen indianischen Kultur aufmerksam zu machen und verallgemeinernde Äußerungen wie „die indianische Sprache“ oder „die indianische Religion“ zu vermeiden.

Zu Beginn des Projekts stand also die Schulung der Mitarbeiter, die mit dem Thema Indianer vertraut gemacht werden sollten. Dies war keine leichte Aufgabe, da der überwiegende Teil der Mitarbeiter sich auf Grund der Zwangsverpflichtung durch das JobCenter ungerecht behandelt fühlte und eine skeptische, bisweilen abwehrende Haltung einnahm. Die Kenntnisse über die Vielfalt indianischer Kulturen waren (von einer Teilnehmerin abgesehen) nahezu null und von den gängigen Klischees überlagert.

Durch Vorträge, Filme und Diskussionsrunden wurden fundamentale Kenntnisse über die verschiedenen indianischen Kulturareale vermittelt und Klischees aufgezeigt. So lernten die Mitarbeiter an einem Tag durch die Gegenüberstellung der Filme Winnetou I und Geronimo (dargestellt von Wes Study), dass die Apachen eben nicht in Pueblos wohnten, keine Totempfähle in ihren Dörfern zu stehen hatten und nicht in Perlen bestickten Hirschlederanzügen herumliefen.

Durch einen kurzen Streifzug in die Welt indianischer Sprachen, lernten die Teilnehmer sich auf Lakota, Navaho, Cheyenne, Ojibwa oder Apache vorzustellen und einen anderen Menschen nach dessen Namen zu fragen. Bei einem kleinen Abstecher in die trotz der Sprachunterschiede alles verbindende indianische Zeichensprache, deren Kenntnisse ich mir für das Projekt erst selbst aneignen musste, hatten wir viel Spaß und das Eis war gebrochen.

Obwohl drei der Mitarbeiter vorzeitig aus dem Projekt ausstiegen und durch neue ersetzt wurden, gelang es mir und den anderen Dozenten den Großteil der Mitarbeiter stark zu motivieren, so dass die Zusammenarbeit mit ihnen immer mehr Spaß machte.

Frau Flowers bei der Fertigung eines Traumfängers

Der zweite Teil der Schulung bestand aus der Vermittlung von handwerklichen Tätigkeiten wie Perlenweben, dem Herstellen von Traumfängern, Puppen und kleinen Zeltdörfern. Die Mitarbeiter bewiesen nach anfänglichen Schwierigkeiten ein außerordentliches Geschick und fertigten mit Begeisterung Traumfänger und Perlenarmbänder an. Besonders erfreute mich ein Mitarbeiter, der mir mit viel Liebe zum Detail, stolz sein aus Sperrholz selbst gefertigtes Pueblo zeigte.

Mitarbeiter des Projektes und Kinder beim Bau eines Pueblos

Weiterhin auf dem Programm standen indianische Lieder und Tänze. In Zusammenarbeit mit einer ehemaligen Lakotaschülerin, Frau Gabriele Flowers, die mich an der großen Powwowtrommel beim Singen unterstützte, brachten wir den Teilnehmern einen Round Dance und einen Rabbit Dance bei. Das laute Geräusch der Trommel lockte die Kinder der Kindertagesstätte an, in deren Räumen sich der Schulungsort befand. Die Kinder wurden von uns und den Mitarbeitern sogleich zum Tanzen animiert und alle hatten sichtlich Vergnügen daran.

Martin Krueger an der Trommel

Auch die „indianische“ Küche wurde nicht außer Acht gelassen. So erlernten die Mitarbeiter das Backen von Frybread, und diverse kulinarische Spezialitäten wie Kürbis – oder Maissuppe kennen.

Mitarbeiterin beim Kochen "indianischer" Gerichte

Nach etwa zweimonatiger Schulung wurden die Mitarbeiter dann in Zweiergruppen auf verschiedene Kindertagesstätten und Grundschulen verteilt und sollten dann selbstständig, in Zusammenarbeit mit dem dortigen Erziehungspersonal bei den Kindern Interesse für das Thema Indianer wecken. Wie mir bei Hospizbesuchen berichtet wurde, war dies aus unterschiedlichen Gründen ein recht schwieriges Unterfangen, denn zum einen waren viele Ausländerkinder der deutschen Sprache nicht mächtig, zum anderen wurden die ernsthaften Bemühungen der von uns geschulten Mitarbeiter, durch die klischeebehafteten Vorstellungen des Erziehungspersonal behindert.

Das hauptamtliche Personal war, wie Presse, Rundfunk und Fernsehen offensichtlich der Meinung, dass Klischees zum Indianerspielen eben dazu gehören, und ließen sich auch nicht beirren. Auf einer Faschingsfeier in einer Kita, wo ich gebeten wurde „indianische“ Gesänge vorzutragen, sah ich Erzieherinnen mit Kriegsbemalung und bunten, aufrecht stehenden Federn im Haar herumstolzieren, während an der Wand von unseren Mitarbeitern gefertigte Wandzeitungen hingen, die das wirkliche Leben „der Indianer“ zeigten. Die Mitarbeiter waren über die mangelnde Kooperation mit den Erzieherinnen und Erziehern sichtlich frustriert und mussten regelmäßig mit viel Geduld stabilisiert werden.

Eine "indianische" Erzieherin beim Kinderfasching

Den Abschluss des Projekts bildete ein so genanntes „Kinderpowwow“, welches am 20. April auf dem Gelände der Kindertagestätte stattfand, in der die Mitarbeiter von uns geschult wurden. An diversen Verkaufsständen wurden von den Mitarbeitern in liebevoller, wochenlanger Arbeit hergestellte „indianische“ Handarbeiten, selbstgebackene Kuchen, Kekse und Torten verkauft. Die Kinder wurden mit diversen Spielen unterhalten und der Höhepunkt des Festes bildete der Auftritt der Free Bavarian Indians ev., einer Hobbyistengruppe aus Olching bei München, die durch meine Vermittlung ihre Teilnahme am Fest zugesagt hatten. Im Gegensatz zu vielen anderen Vereinen und Einzelpersonen im Indianerhobby, legen die Free Bavarian Indians großen Wert auf Authentizität, sind wissbegierig, offen für Kritik und immer bereit etwas dazu zu lernen. Ich habe den größten Teil der Mitglieder bei meinem ersten Lakotakurs in München kennen gelernt, bin mit ihnen zusammen im Legoland aufgetreten und habe großes Vergnügen daran gefunden, mit ihnen zusammen zu arbeiten.

Vier "Indianer" der Free Bavarian Indians eV.

An dieser Stelle möchte ich mich bei den Free Bavarian Indians recht herzlich für die Teilnahme am Event bedanken. Weiterhin danke ich allen Mitarbeitern des Projektes „Kinder spielen Indianer“, insbesondere aber Frau Marlies Reuter, Herrn Matthias Lühr und Frau Carola Peiler für ihre unermüdlichen Einsätze. Weiterhin bedanke ich mich Herrn Jürgen Wedel, Mitarbeiter der Prokultur gGmbH und Leiter des Projektes, dass er durch den Verlag für Amerikanistik Kontakt mit mir aufgenommen hat, und mich trotz meiner anfänglichen Skepsis zur Mitarbeit an diesem Projekt überredete.



Anschrift:

Brehmestr.55
13187 berlin

 

 

 

 

+<>+<>+<>+<>+<>+<>+<>+<>+<>+<>+<>+<>+<>+<>+<>+<>+<>+<>+<>+<>+<>+<>+<>+<>+<>+<>+<>+<>