Über Stereotypen und Vorurteile

Wie oft höre ich nach einer Meinungsverschiedenheit oder einer heftigen Diskussion aus dem Mund eines so genannten Indianerfreundes, dass ich mir doch mal die Indianer zum Vorbild nehmen solle. Die Indianer seien friedfertig, würden sich nicht streiten und wären immer geduldig und rücksichtsvoll. Egal ob es um Uneinigkeit, Streitereien oder den Umweltschutz geht, immer sollen uns "die Indianer" als Vorbild dienen.

Die Indianer sind immer die Guten, und die Weißen sind die Bösen, so haben wir es jedenfalls aus den Karl May-Filmen gelernt. Gibt es doch einmal einen "bösen Indianer" so hat ihn das Feuerwasser des weißen Mannes dazu gemacht.

Aus der Rede von Chief Seattle, die hunderte Male mehr oder weniger verfälscht abgedruckt wurde, haben wir gelernt, dass Indianer die Umwelt schützen und der weiße Mann die Umwelt zerstört.

Und aus der esoterischen Literatur haben wir gelernt, dass "die Indianer" alle Lebewesen als Brüder und Schwestern betrachten und ihnen alles Leben heilig ist.

Aber ist "der Indianer" wirklich so, wie er in den Köpfen deutscher Indianerfreunde herumgeistert?

Zunächst einmal kann nicht oft genug wiederholt werden, dass es "die Indianer" als politische, kulturelle, sprachliche oder religiöse Volkseinheit gar nicht gibt, und auch nie gegeben hat. Allein auf dem Gebiet der heutigen USA leben um die 200 verschiedene indianische Stämme. Den Begriff Indianer kann man mit der Bezeichnung Europäer gleichsetzen. Wenn z.B. jemand einen Österreicher fragt, zu welchem Volk er gehöre, so wird dieser mit 99%-tiger Wahrscheinlichkeit seine Nationalität und nicht seine Rasse nennen.
Genauso verhält es sich "den Indianern". Sie werden nicht sagen, "ich bin Indianer", sondern "ich bin Lakota", "Comanche", "Kiowa", "Apache" etc.

Dieses Wissen gehört zur Allgemeinbildung, sollte man meinen, trotzdem höre ich in Kreisen der Indianerfreunde ständig solche Floskel wie: "was heißt Pferd auf indianisch" daherreden. Auch ist ständig von "indianischer Religion", bzw. "indianischer Kultur" die Rede.

Für "die Indianer" sind alle Lebewesen Brüder. Sie achten alles Leben. Und wie kommt es dann, dass sich die Lakota ständig mit den Crow, Pawnee und anderen Völkern in den Haaren hatten? In den Haaren hatten sagte ich? Ja, sie hatten sich tatsächlich in den Haaren, denn so mancher Crow- oder Pawneeskalp baumelte im Tipi eines Lakota und so mancher Lakotaskalp zierte das Kriegshemd eines Crowkriegers.

Es war sicherlich auch nicht angenehm für eine Crowfrau von einem Lakotakrieger verschleppt und zur Ehe gezwungen zu werden und umgekehrt und die Stämme beklauten sich wie die Raben, wenn es um Pferde ging.

Ja, die "guten Indianer" die dürfen das ja auch, ohne dass man es ihnen übelnimmt, denn es sind ja die "guten Indianer" und Skalpe nehmen und Pferdestehlen sind ja ehrenvolle Tugenden. Dass das nicht ganz mit dem Bild von "Mitakuye Oyasin" (wir sind alle verwandt) übereinstimmt, das fällt keinem hier auf, oder wird es einfach verdrängt.

Ein weiteres Vorurteil ist, das Indianer nicht lügen, nicht betrügen und keine Verräter sind. Nun, es ist eine historische Tatsache dass Sitting Bull durch die Kugel eines anderen Lakota starb, ebenso wie Spotted Tail und Crazy Horse, der von seinem Jugendfreund Little Big Man festgehalten wurde, als ein weißer Soldat ihm das Bayonett in den Unterleib stieß. Geronimo wurde durch Apachenscouts in den Bergen Mexikos aufgespürt etc.

Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Jeder, der mal eine Indianerreservation besucht hat und länger dort verweilte weiß, wie dort geklatscht und getratscht wird. Es wird geneidet und übles geredet, was das Zeug hält. Und auch der Umweltschutz lässt zu wünschen übrig, obwohl man letzteres auch mit Geldmangel entschuldigen könnte.

Jetzt fragen sich sicher manche Leute: Wieso interessiert sich der Typ überhaupt für Indianersprachen und Indianer überhaupt, wenn er nur negativ über die armen Indianer denkt?

Ganz einfach, weil ich die Nase gestrichen voll habe von den Fehlinformationen die man hierzulande verbreitet und ich mit Vorurteilen und Stereotypen aufräumen will. Indianer sind nicht besser oder schlechter als die Leute hier. Es sind Menschen wie Du und ich. Menschen mit positiven und negativen Eigenschaften. Menschen mit Tugenden und Schwächen.

Ich gebe zu, dass ich früher, in meinen Teenagerjahren, ebenfalls viele der oben genannten Vorurteile und Klischees verinnerlicht hatte. Aber jeder Besuch auf einer Reservation hat mir ein Stück mehr Realität gezeigt.

Auf Grund meines reiferen Alters und meiner persönlichen Erfahrungen mit Indianern verschiedener Volksgruppen sehe ich viele Dinge heute anders.


Hier eine Liste typischer Stereotypen die durch die Medien und unbelehrbare Indianerfreunde hartnäckig aufrechterhalten werden

Positive bzw. neutrale Stereotypen

1. Alle Indianer sprechen eine gemeinsame Sprache
2. Alle Indianer haben die gleiche Religion oder Kultur
3. Alle Indianer sind Heilige und hochspirituell
4. Alle Indianer sind friedliebend
5. Alle Indianer sind schwarzhaarig und haben keinen Bartwuchs
6. Alle Indianer haben eine dunkle Haut und Adlernase
7. Alle Indianer sprechen die Wahrheit
8. Indianer weinen nicht
9. Ein Indianer kennt keinen Schmerz


Negative bzw. neutrale Stereotypen (hauptsächlich in Amerika)

10. Alle Indianer sind arbeitsscheu
11. Alle Indianer sind Alkoholiker
12. Alle Indianer sind unsauber und ungepflegt
13. Alle Indianer sind unzuverlässig

 

 

 

 

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